Erholung ist Training: warum mentale Regeneration im Sport über deine Form entscheidet
- Andreas Baumgartner
- 15. Juli
- 5 Min. Lesezeit

Mentale Regeneration im Sport wird unterschätzt. Nicht weil Athletinnen und Athleten es nicht wissen, sondern weil sie es im Alltag nicht konsequent umsetzen. Erholung gilt als Pause, als Nichtstun, als der Teil zwischen den Trainings, der einfach passiert. Das ist falsch. Erholung ist Training. Und wer sie nicht gezielt trainiert, wird im entscheidenden Moment auf etwas zurückgreifen, das nicht da ist.
Was mich die Spezialeinheit über Erholung gelehrt hat
In meiner Zeit als Einsatzleiter und Präzisionsschütze gab es einen Grundsatz, der sich tief eingeprägt hat: Im Stress fallen wir auf das zurück, was wirklich verinnerlicht ist. Nicht auf das, was wir einmal gelesen haben. Nicht auf das, was wir uns für den Ernstfall vorgenommen haben. Sondern auf das, was durch Wiederholung so tief verankert ist, dass es keine Energie mehr braucht.
Das gilt für taktische Abläufe. Es gilt jedoch genauso für mentale Regeneration. Wer unter Wettkampfdruck, Erschöpfung und Saisonstress in der Lage sein will, sich zu erholen und zu regulieren, muss genau das dann trainieren, wenn der Druck noch moderat ist und Raum für Experimente besteht.
Mentale Regeneration: was sie ist und was sie nicht ist
Erholung ist nicht Abwesenheit von Aktivität. Beckmann und Elbe (2024) definieren Erholung als einen inter- und intraindividuellen Prozess auf psychischer, physischer und sozialer Ebene. Mit einer entscheidenden Komponente: Erholung ist aktiv und selbst-initiiert. Wer wartet, bis Erholung «passiert», wartet meist vergeblich.
Die Sportpsychologie unterscheidet drei Formen: passive Erholung (Schlaf, Ruhe, Massage), aktive Erholung (moderates Bewegen, Entspannungsverfahren) und proaktive Erholung. Das bewusste Einplanen von Erholungsaktivitäten, das Achtsamsein gegenüber dem eigenen Erholungsbedarf, das Verlassen der Sportblase durch soziale Kontakte ausserhalb des Sports (Beckmann & Elbe, 2024). Letzteres ist es, was langfristig den Unterschied macht. Und was die meisten Athletinnen und Athleten zu wenig tun.
Daniel Siegel beschreibt in seinem Konzept des Window of Tolerance (1999), wie das Nervensystem zwischen Hyperaktivierung und Erschöpfung pendeln kann. Regulierte Erholung hält es in einem Bereich, in dem Konzentration, Reaktionsfähigkeit und emotionale Stabilität abrufbar sind. Genau das, was im Wettkampf zählt.
Nach dem Training, in den ersten 10 Minuten
Der Übergang vom Training in die Erholung ist keine Selbstverständlichkeit. Das Nervensystem läuft nach intensiver Belastung weiter auf Hochtouren. Gedanken kreisen, der Körper ist noch aktiviert, Fehler werden mental nochmals durchgegangen. Ohne bewussten Abschluss zieht das Training in die Erholung hinein.
Konkret:
Kurze Atemübung (2–3 Minuten): 4 Sekunden einatmen, 6–8 Sekunden ausatmen. Gezieltes, langsames Ausatmen aktiviert den Parasympathikus und bremst die Stressreaktion.
Mental abschliessen: Ein kurzes inneres Ritual. Eine Geste, ein Satz oder einfach ein Atemzug. Etwas, was das Training symbolisch beendet und bewusst macht: «Das war das Training. Jetzt ist Erholung.»
Keine Fehleranalyse direkt nach dem Training: Fehler gehören analysiert. Aber nicht in den ersten 30 Minuten nach der Belastung, wenn das Nervensystem noch aktiviert ist.
Nach dem Tag: Schlaf und Abendroutine
Schlaf ist laut Beckmann und Elbe (2024) keine rein passive Erholung, sondern ein hochaktiver Verhaltenszustand. Im Schlaf werden Gedächtnisspuren neu erlernter Fertigkeiten verstetigt und verstärkt. Was im Training geübt wurde, konsolidiert sich in der Nacht. Die Tiefschlafphasen in den ersten drei bis vier Stunden nach dem Einschlafen sind dabei am erholsamsten und haben den grössten Einfluss auf Konzentration und geistige Leistungsfähigkeit.
Die Qualität des Schlafs beginnt dabei nicht im Bett. Sie beginnt am Abend.
Konkret:
Bildschirme 45–60 Minuten vor dem Schlafen reduzieren: Blaues Licht verzögert die Melatoninausschüttung und damit den Schlafbeginn.
Abschlussritual mit AT oder Atemübung: 10–15 Minuten Autogenes Training am Abend reguliert das Nervensystem aktiv und verbessert nachweislich die Einschlafqualität.
Gedanken entladen: Was für morgen noch offen ist, kurz aufschreiben. Dann ist es aus dem Kopf.
Feste Schlafzeiten: Regelmässigkeit im Schlaf-Wach-Rhythmus ist für die Erholungsqualität wichtiger als die absolute Schlafdauer.
Über die Woche: der Mikrozyklus
Erholung braucht individuelle Freiräume und muss individuell geplant werden. Was für eine Athletin optimal regenerierend ist, kann für einen anderen Athleten das Gegenteil bewirken (Beckmann & Elbe, 2024). Das gilt auch auf der Wochenebene. Erholungsaktivitäten können nicht für alle vorgegeben werden, sondern müssen zur Person passen.
Konkret:
Mindestens ein Tag pro Woche mit bewusster mentaler Entlastung: Keine Leistungsanalyse, kein Zielsetzungsdenken, keine Selbstoptimierung.
Proaktive Erholung durch Systemwechsel: Kontakt mit Menschen ausserhalb der Sportblase. Erfahrungen sammeln, die erinnern, dass das Leben breiter ist als die Sportkarriere.
Wöchentliche Kurzreflexion (5–10 Minuten Journaling): Was lief gut? Was hat Energie gekostet ohne etwas zu bringen? Was brauche ich nächste Woche?
Über Wochen und Monate: der Makrozyklus
Wer bis zum Saisonende durchpowert und hofft, sich danach zu erholen, riskiert das Gegenteil. Unzureichende Erholung über längere Zeit führt zu Übertraining, Burnout und Leistungseinbussen (Beckmann & Elbe, 2024). Erholung auf der Makroebene bedeutet: geplante Phasen der Reduktion, nicht ungeplante Erschöpfung.
Konkret:
Offphasen nach Wettkampfhöhepunkten bewusst einplanen: Nicht sofort in den nächsten Zyklus einsteigen. Zwei Wochen bewusste Deaktivierung sind Investition, kein Rückstand.
Debriefing nach wichtigen Wettkämpfen: Die strukturierte Nachbereitung ist eine sachbezogene Analyse mit Schlussfolgerungen und neuer Zielsetzung. Das unterstützt den Erholungsprozess und verhindert, dass unaufgearbeitete Erlebnisse immer wieder ins Bewusstsein dringen (Hogg & Kellmann, 2002, zit. nach Beckmann & Elbe, 2024).
Saisonrückblick: Was hat funktioniert? Was hat Kraft gekostet ohne Ertrag? Was will ich nächste Saison mental und organisatorisch anders machen?
Die Runterfahr-Routine: Schritt für Schritt
Diese Routine eignet sich nach dem Training, nach einem intensiven Wettkampftag oder am Abend. Dauer: 10–15 Minuten. Jansen, Seidl und Richter (2019) heben in ihrer Arbeit zu achtsamkeitsbasierten Verfahren im Sport besonders den Bodyscan, die Gehmeditation und die Sitzmeditation mit Atemfokus als nachweislich entstressende Methoden für die Regeneration hervor. Die folgende Routine baut auf diesen Grundprinzipien auf.
Schritt 1 – Ankommen (2 Min.): Hinsetzen oder hinlegen. Augen schliessen. Drei tiefe Atemzüge. Bei jedem Ausatmen bewusst loslassen. Kein Bewerten, kein Analysieren. Nur ankommen.
Schritt 2 – Bodyscan (2–3 Min.): Aufmerksamkeit langsam von den Füssen aufwärts durch den Körper führen. Wo ist noch Spannung? Nichts verändern. Nur wahrnehmen. Beim Ausatmen immer mehr loslassen.
Schritt 3 – Atemregulation (3–4 Min.): Rhythmisches Atmen: 4 Sekunden einatmen, kurz halten, 6–8 Sekunden ausatmen. Wiederholen bis das Gefühl von Ruhe einsetzt.
Schritt 4 – Grundübung Autogenes Training oder Ruhebild (3–4 Min.): Wer AT beherrscht: Schwere- und Wärmeformel, kombiniert mit dem eigenen Ruheort. Wer noch kein AT hat: einen Ort vorstellen, der mit Ruhe verbunden ist und dabei alle Sinne aktivieren.
Schritt 5 – Abschluss (1 Min.): Arme strecken, tief einatmen, Augen öffnen. Kurzer innerer Satz: «Ich habe gegeben, was heute geht. Jetzt ist Erholung.»
Warum jetzt
Routinen, die unter Druck funktionieren sollen, müssen ohne Druck gelernt werden. Der Sommer respektive die Grundlagenphase ist die ideale Zeit, um mentale Regenerationsroutinen aufzubauen. Nicht weil es jetzt einfacher wäre, sondern weil das Nervensystem neue Muster am besten dann verankert, wenn es nicht gleichzeitig kämpft.
Was im Oktober automatisch laufen soll, muss im Juli trainiert werden. Wer weiss, dass die Saison schwierige Momente bringen wird, bereitet sich jetzt vor. Dann braucht es dann nicht Willenskraft im Sturm, sondern es greifen die Routinen, die dann schon da sind.
Ruhe → Klarheit → Präsenz → bereit, wenn es zählt
Mentale Regeneration ist keine Pause vom Weg. Sie ist ein Teil davon. Wer sich erholen kann, kann sich konzentrieren. Wer sich konzentrieren kann, ist präsent. Und wer präsent ist, ist bereit, wenn es zählt.
Literatur
Beckmann, J. & Elbe, A.-M. (2024). Praxis der Sportpsychologie im Wettkampf und Leistungssport (3., überarb. Aufl.). Hogrefe.
Jansen, P., Seidl, F. & Richter, S. (2019). Achtsamkeit im Sport: Theorie und Praxis zu achtsamkeitsbasierten Verfahren in Freizeit, Training, Wettkampf und Rehabilitation. Springer.
Siegel, D. J. (1999). The Developing Mind. Guilford Press.
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